Freitag, 7. Februar 2014

Fehlender Winter erschwert die Holzernte

Die meisten Waldbesucher haben es schon selbst erlebt.

Da will man am Wochenende die gewohnte Spazier- oder Joggingrunde im Wald drehen und trifft auf einen Waldweg, der voll Schlamm und mit tiefen Fahrspuren kaum passierbar ist.

„Der Winter ist die Hauptsaison im Wald. Normalerweise ist es bei durchgefrorenem Boden möglich, schwere Baumstämme über Wege oder sogar Wiesen am Waldrand zu transportieren, ohne dass diese Schaden nehmen. Doch dieses Jahr ist der Winter bisher praktisch ausgeblieben mit zum Teil fatalen Folgen für die Waldwege“, so Dr. Hans Untheim, Leiter des Fachbereichs Wald und Naturschutz am Landratsamt Heidenheim.

Pro Jahr werden in den Wäldern des Kreises über 200.000 Kubikmeter Holz aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung eingeschlagen. Diese Menge wird mit schweren Schleppern aus den Beständen an die Waldwege gezogen, dort verkaufsfertig aufgestapelt und schließlich mit Lastwägen abtransportiert – im Schnitt jeden Tag 30 Fuhren. Das ist eine enorme Belastung für die Waldwege. Anhaltender Frost oder Trockenheit sind hilfreich, um Schäden an Böden und Wegen bei der Holzernte zu vermeiden. Im bisherigen Winter warten die Forstleute jedoch vergeblich auf günstige Witterungsverhältnisse. Dabei gibt es viele gewichtige Gründe für den Holzeinschlag in der Winterzeit: Einer der wichtigsten ist, dass die Vegetation in der Wachstumsruhe ist und Störungen für Flora und Fauna minimiert werden können. Für den Transport ist es hilfreich, dass die Bäume im Winter weniger Wasser enthalten und deutlich leichter sind als im Sommer. Aus Sicht der Arbeitssicherheit ist bedeutsam, dass mögliche Gefahren zum Beispiel durch abgestorbene Äste in den laubfreien Baumkronen besser sichtbar sind. Nicht zuletzt ist Holz ein schnell verderblicher Rohstoff. Bei milden Temperaturen kann es rasch durch Pilze und Insekten befallen werden.

Angesichts der ungewöhnlich feuchten Witterung der vergangenen Monate und des ausbleibenden Frosts kommen immer mehr Forstmaschinen mit sogenannten Tragbändern zum Einsatz. Diese werden wie Ketten über die Räder der Maschinen gespannt und verhindern starke Bodenschäden auf unbefestigten Rückegassen. Allerdings führen diese auf den geschotterten Waldwegen zu einer verstärkten Verschmutzung und Abnutzung. „Aus Gründen des Bodenschutzes im Wald ist für die Waldbesucher eine Beeinträchtigung auf den Forstwegen nicht zu vermeiden“, so Dr. Untheim. „Aber die Wege können nach Abschluss der Forstarbeiten wieder instand gesetzt werden, während dies beim Waldboden nicht möglich ist.“

Nachdem auch aus anderen, stark von Besuchern frequentierten Wäldern im Landkreis, wie zum Beispiel dem Eselsburger Tal, in den vergangenen Wochen Beschwerden über den Zustand der Wege an den Fachbereich Wald und Naturschutz herangetragen worden sind, bittet dieser nun die Bevölkerung um Verständnis. „Es ist in unserem eigenen Interesse, die verschmutzten und beschädigten Wege zum Ende der Holzeinschlagssaison so zu richten, dass sich auch Spaziergänger und Sportler wieder sauberen Fußes fortbewegen können.“

Interview mit Dr. Hans Untheim, Fachbereichsleiter Wald und Naturschutz im Landratsamt Heidenheim:
Waldwege sind Grundlage einer nachhaltigen und multifunktionalen Forstwirtschaft!

Welche Funktion haben Waldwege?
Untheim:
Ähnlich wie die moderne Forstwirtschaft, müssen auch Waldwege immer mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen. Holz ist ein wichtiger klimaneutraler Rohstoff. Er ist für uns unverzichtbarer Bau-, Werkstoff und Energieträger und wird durch eine nachhaltige und naturnahe Bewirtschaftung der Wälder verlässlich bereitgestellt. Ohne ein angepasstes und sinnvoll ausgebautes Waldwegsystem ist eine Nutzung und Pflege der Wälder nicht möglich. Mit Lastwagen befahrbare Waldwege ermöglichen eine effiziente, ökologisch verträgliche und auch sichere Holzernte. Darüber hinaus werden Waldwege vielfältig genutzt. Während sie Erholungssuchenden und Sportlern ein willkommenes Terrain bieten, (ver-) bergen sie im Untergrund oft Leitungen zur Wasser- oder Stromversorgung.

Wie groß ist das Waldwegnetz im Landkreis Heidenheim?
Untheim:
Im Landkreis Heidenheim misst das mit Lastwagen befahrbare Waldwegnetz rund 1.350 Kilometer. Das Waldwegnetz ist also um einiges länger als das Netz an Kreis-, Landes- und Bundesstraßen im Landkreis mit einer Gesamtlänge von 335 Kilometern.

Wer darf auf Waldwegen fahren?
Untheim:
Um den Lebensraum Wald vor unnötigen Störungen zu schützen, dürfen Waldwege grundsätzlich nur zu forstwirtschaftlichen Zwecken mit Kraftfahrzeugen befahren werden. Gemäß Landeswaldgesetz können die unteren Forstbehörden Ausnahmen zulassen beispielsweise für Versorgungsbetriebe, Imker oder Schäfer.

Wird das Waldwegnetz noch ausgebaut?
Untheim:
Nein. Der Großteil unserer Wälder ist bereits mit Waldwegen ausreichend erschlossen. Neubauten wird es nur in Ausnahmefällen dort geben, wo beispielsweise bestehende Wege zu steil oder zu eng sind. Inzwischen steht die Instandhaltung des Wegenetzes im Vordergrund. Denn Waldwege werden nicht nur von schweren Maschinen und Lastwägen beansprucht, sie sind auch das ganze Jahr der Witterung ausgesetzt. Besonders wichtig ist die Wegeunterhaltung im Frühling nach der Schneeschmelze oder nach starken Niederschlägen und nach Holzschlägen.

Wie werden Waldwege finanziert?
Untheim:
Einen Waldweg neu zu bauen kostet heute durchschnittlich 60 Euro pro Laufmeter. Waldwege gehören in der Regel zum Anlagevermögen des jeweiligen Forstbetriebes. Bei Wäldern im Eigentum von Städten und Gemeinden bzw. dem Land Baden-Württemberg wurden die Kosten für den Wegebau von diesen getragen. In Privatwäldern wird der Wegeneubau vom Land gefördert. Der Landesbetrieb ForstBW, die waldbesitzenden Kommunen und die größeren Privatforstbetriebe im Landkreis wenden zusammen schätzungsweise jährlich 300.000 Euro für den Unterhalt von Waldwegen auf.


In diesem Winter oft nicht zu vermeiden: durch Holzernte stark verschmutzte und beschädigte Waldwege. Foto: Werner Kieser