Freitag, 19. Dezember 2014

Neue Chancen für Kinder

Pflegekinderfachdienst vermittelt Familien für Kinder - Weitere Pflegeeltern dringend gesucht

Wenn Kinder oder Jugendliche ein neues Zuhause brauchen, wird der Pflegekinderfachdienst im Landratsamt Heidenheim aktiv. Er vermittelt Familien für Kinder, deren Welt Kopf steht, beispielsweise weil die eigenen Eltern Suchtprobleme haben oder auch weil es in der Familie ein Gewaltpotenzial gibt. Derzeit leben im Landkreis Heidenheim 66 Kinder in Vollzeitpflege bei Pflegefamilien, neue Familien werden dringend gesucht.
„Alle Kinder sollten die Chance haben, in einer normalen Familie aufzuwachsen“, erklärt eine 57-jährige Pflegemutter aus dem östlichen Landkreis in wenigen Worten eine Entscheidung, die vor rund 20 Jahren ihr Leben verändert hat. Damals hatten sie und ihr Mann - die eigenen Kinder waren inzwischen im Jugendlichenalter - sich bereit erklärt, ein Pflegekind aufzunehmen. Aus dem einen Kind wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten sieben Kinder im Alter ab drei Jahren, die - zumindest zeitweise - bei der Pflegefamilie aufwuchsen. „Ich wollte immer eine große Familie, es ist schön, wenn viele Leute um den Tisch sitzen“, sagt die Pflegemutter und ergänzt lachend: „Außerdem halten Kinder jung, ich kann auch bei den Themen MTV und VIVA mitreden.“
Das Ehepaar ist eine von 58 Familien im Landkreis Heidenheim, die Pflegekinder aufnehmen. Vermittelt und begleitet werden die Familien vom Pflegekinderfachdienst im Landratsamt Heidenheim. Die Prämisse laute dabei: „Wir suchen Pflegeltern für Kinder, nicht Kinder für Pflegeeltern“, so Dagmar Lübcke-Klaus, ergänzt aber: „Wir haben zunehmend Schwierigkeiten, Familien zu finden, die ein Pflegekind aufnehmen - aber das ist kein Heidenheim-spezifisches Problem.“ Auch aktuell sei der Fachdienst wieder auf der Suche nach weiteren Pflegefamilien, vor Kurzem habe ein Kind sogar im Heim untergebracht werden müssen, als keine geeignete Pflegefamilie zur Verfügung stand. Wie Dagmar Lübcke-Klaus erklärt, müssen Pflegeeltern keine Familie im herkömmlichen Sinne sein, auch nicht verheiratete Paare oder Alleinstehende können ein Pflegekind aufnehmen. Ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis gehört ebenso wie der Ausschluss beispielweise von Suchterkrankungen aber zu den Grundvoraussetzungen, um ein Pflegekind aufnehmen zu können. „Aber wichtig sind sicherlich auch Gelassenheit und die Bereitschaft der ganzen Familie, sich zu öffnen“, betont Bärbel Appel vom Pflegekinderfachdienst.
Eine Bereitschaft, die die bereits aktiven Pflegefamilien im Landkreis zeigen. „Es ist wichtig, offen zu sein und sich auch auf die Situation, die ja nicht immer leicht ist, einzulassen“, so die siebenfache Pflegemutter aus dem östlichen Landkreis und ihr Mann ergänzt: „Natürlich braucht man Geduld und es ist nicht immer einfach, aber das ist bei den eigenen Kindern genauso. Am wichtigsten ist es, eine Beziehung und ein Vertrauensverhältnis zu den Kindern aufzubauen, was natürlich auch seine Zeit braucht und was man sich erst erarbeiten muss.“ Für den Pflegevater ganz selbstverständlich, wenn man bedenke, was viele Kinder und Jugendliche zuvor erlebt haben. „Eine Pflegefamilie kann den Kindern und Jugendlichen neue Chancen und ein geschütztes Umfeld bieten und ihnen so helfen, auch innerlich wieder zu wachsen. Dafür muss man sie in die Familie integrieren, das heißt es gibt Freiräume genauso wie Regeln - wie überall anders auch“, so der 58-Jährige, den seine Pflegekinder ebenso geprägt haben wie er und seine Frau die Kinder: „Wir machen das ja nicht aus Jux und Dollerei, dass sich durch so eine Entscheidung das Leben ändert, muss klar sein.“
Dass dabei gerade in der Anfangszeit auch sehr viele Fragen auftauchen, wissen auch die Mitarbeiterinnen des Pflegekinderfachdienstes im Landratsamt Heidenheim. Deshalb werden die Pflegeeltern nicht nur in einem Seminar auf ihre neue Aufgaben vorbereitet, sondern auch darüber hinaus intensiv begleitet. „Man kann immer anrufen und das mache ich auch oft - selbst noch nach so vielen Jahren“, erklärt die Pflegemutter aus dem östlichen Landkreis. Damit sich die Familien gegenseitig kennenlernen und austauschen können, werden zudem regelmäßig Feste, Fortbildungen oder erlebnispädagogische Tage veranstaltet. Dagmar Lübcke-Klaus: „Die Pflegeeltern übernehmen eine wichtige Aufgabe, denn die Alternative für die Kinder ist sonst nur die Heimunterbringung. Auf diesem Weg lassen wir die Pflegefamilien natürlich nicht allein!“

Info: Vollzeitpflege ist eine Hilfe zur Erziehung nach dem Kinder- und
Jugendhilfegesetz, bei der Kinder oder Jugendliche Tag und Nacht bei
Pflegefamilien untergebracht sind. Der Kontakt zur Herkunftsfamilie soll, soweit möglich, Aufrecht erhalten werden. Prinzipiell kann jeder Pflegekinder aufnehmen. Sowohl Ehepaare als auch Alleinstehende oder gleichgeschlechtliche Paare. Geprüft wird dennoch, ob man überhaupt in Frage kommt: Polizeiliches Führungszeugnis und ärztliche Atteste sind vorzulegen. Geht alles in Ordnung, stehen verschiedene Qualifizierungsseminare an, die die zukünftigen Pflegeeltern auf ihre neue Aufgabe vorbereiten sollen. Diese Seminare werden vom Pflegekinderfachdienst im Landratsamt Heidenheim veranstaltet und finden auch in dessen Räumlichkeiten statt. Anschließend wird gemeinsam mit der Pflegefamilie ein Profil erstellt, in welchem die Möglichkeiten und Grenzen der Familie besprochen werden. Soll ein Kind untergebracht werden, wird überlegt, welche Pflegefamilie am besten auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen kann. Dann finden erste Gespräche und ein erstes Kennenlernen statt. Im Idealfall soll der Übergang ins neue Zuhause langsam ablaufen. Passt die Chemie, steht einem Einzug nichts mehr im Wege. Weitere Informationen unter Tel. 07321 321-2527.