Donnerstag, 14. Juli 2016

Einschulungsuntersuchung: Doppeltest soll Chancen bieten

Frühere Förderung schon bei Vierjährigen – 1100 Erstuntersuchungen pro Jahr im Kreis Heidenheim

Der Übergang vom Kindergarten in die Schule ist ein wichtiger – und auch aufregender – Schritt für die Jüngsten in unserer Gesellschaft. Ein Zeitpunkt, den auch die Gesundheitsämter genau im Blick haben, denn lange bevor die Schultüten gepackt werden können, kommt für jedes Kind die Einschulungsuntersuchung. Baden-Württemberg ist hierbei das einzige Bundesland, in dem bereits die Vierjährigen untersucht werden. Die Einschulungsuntersuchung ist im Ländle zweigeteilt.
Seit 2009 ist die Einschulungsuntersuchung (ESU) in Baden-Württemberg in zwei Schritte unterteilt: Bereits 24 bis 15 Monate vor der voraussichtlichen Einschulung, das heißt im Normalfall im vorletzten Kindergartenjahr, gibt es eine Basisuntersuchung. „Im Landkreis Heidenheim werden im ersten Schritt pro Jahr rund 1100 Kinder in über 90 Kindergärten untersucht“, so Dr. Karin Steinhart, Ärztin beim Gesundheitsamt (Landratsamt Heidenheim). Zuständig sind dafür zwei Ärztinnen und zwei sozialmedizinische Assistentinnen. Wenn möglich – Ausnahmen bilden beispielsweise Kindertageseinrichtungen ohne geeignete Räumlichkeiten – finden die Untersuchungen, zu welchen auch die Eltern eingeladen werden, in den Einrichtungen selbst statt. „Und damit in einer bekannten Umgebung, was es für die Kinder einfacher macht“, erklärt Karin Steinhart. Sie ist selbst bei vielen Untersuchungen dabei, denn in 90 Prozent der Fälle gehen die sozialmedizinischen Assistentinnen und die Ärztinnen im Landkreis Heidenheim im Tandem zu den Terminen. „Das ist im Vergleich zu anderen Landkreisen eher ungewöhnlich, hat aber sowohl für die untersuchende Ärztin als auch für die Eltern und ihre Kinder Vorteile“, ist Karin Steinhart überzeugt. Denn den Ärztinnen obliege sowieso die Auswertung der Untersuchungsergebnisse und der an Eltern und Erzieher ausgegebenen freiwillig zu beantwortenden Fragebögen. „Bei den Untersuchungen haben wir auch gleich persönlichen Kontakt zu den Kindern und ihrer Begleitung, das macht definitiv Sinn.“
Untersucht wird in Schritt eins der Entwicklungsstand des Kindes. Ähnlich wie bei den U-Untersuchungen gibt es einen Seh- und Hörtest, Größe und Gewicht werden ebenso erfasst wie der motorische Stand, etwa ob ein Kind auf einem Bein hüpfen kann oder wie es einen Stift hält und malen kann. Zählen, Farben erkennen und Sprachverständnis gehören ebenfalls zur Basisuntersuchung. Besonderes Augenmerk wird auch auf die sprachliche Entwicklung eines Kindes gelegt. Gab es in diesem Bereich Auffälligkeiten, gibt es einen gesonderten Test im Gesundheitsamt. Der Untersuchungsbefund wird den Eltern persönlich zur freiwilligen Vorlage beim Arzt und Kindergarten mitgegeben. So kann z.B. der weiterbehandelnde Arzt bei auffälligen Befunden auf die Voruntersuchungen zurückgreifen. Außerdem erhält jedes untersuchte Kind seinen eigenen Einschulungsratgeber mit Tipps und Kontaktadressen.
Besonders wichtig ist für die Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes außerdem der Blick ins U-Heft und ins Impfbuch. „Bezüglich der Impfungen werden wichtige Informationen gegeben und eine eingehende Beratung erteilt. In Deutschland gibt es keine Impfpflicht, alle Impfungen erfolgen auf freiwilliger Basis“, erklärt Karin Steinhart. Die U-Untersuchungen seien dagegen sehr wohl verpflichtend. Die ESU ist die einzige Untersuchung, die bei allen Kindern eines Jahrgangs gemacht wird. Auf fehlende U-Untersuchungen werden die Eltern aufmerksam gemacht. „Pro Jahr können wir bei rund 15 Prozent der Kinder feststellen, dass U-Untersuchungen nicht gemacht wurden“, so die Ärztin.

Bei Bedarf kann nach der ersten Untersuchung schon sehr früh eine gezielte Förderung angegangen werden. Das sei auch der große Vorteil der zweistufigen ESU: Früher wurden die Kinder nur im letzten Kindergartenjahr untersucht, je nachdem, wann ein Kind an der Reihe war, konnte dies auch erst kurz vor der Einschulung sein. „Da hatte man nur noch wenig Spielraum. Bei einem Vorlauf von rund eineinhalb Jahren kann dagegen noch eine bestmögliche Förderung bis zur Einschulung erfolgen.“ Dazu können die Kontaktaufnahme mit den Frühförderstellen im Landkreis, im Einzelfall logopädische oder ergotherapeutische Maßnahmen ebenso gehören wie Unterstützung in der Familie durch eine Familienhilfe – die Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes klären darüber auf, welche Förderung sinnvoll wäre und machen Angebote, geben aber auch Hinweise auf Beratungs- und Unterstützungsangebote von weiteren Fachstellen. Oft sei aber auch schon die direkte Beratung in Erziehungs- oder Entwicklungsfragen und der Hinweis auf die vielen praktischen Fördermöglichkeiten im Familien- und Alltagsumfeld hilfreich. „Ein weiterer Vorteil des direkten Kontakts, wenn die Eltern dabei sind: Fragen können sowohl direkt von uns als auch von den Eltern gestellt werden.“ Wie Karin Steinhart dabei bereits seit einigen Jahren feststellt, nimmt die Unsicherheit in Erziehungs- und Entwicklungsfragen bei den Eltern zu. Mit Grund dafür sei sicherlich ein Familienbild, das sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stark gewandelt hat. Weg von der Großfamilie, in der Hilfe, Beratung und Unterstützung aus dem nächsten Umfeld kamen.

In den Monaten direkt vor der Einschulung folgt der zweite Schritt der ESU bei Kindern, bei welchen ein Förderbedarf festgestellt wurde. Zur Entscheidung werden außer den ersten Untersuchungsergebnissen die Entwicklungsbeobachtungen der Erzieher und die Beurteilung der Schulfähigkeit des Kindes durch den Kooperationslehrer der Schule, in welche das Kind gehen soll, herangezogen. Beides jedoch nur, wenn die Eltern zustimmen, sagt Karin Steinhart. Sie sieht in der zweifachen Befragung der Erzieher große Vorteile. Denn dadurch werde gleichzeitig auch ein gewisser Schulungseffekt erzielt, die Erzieher würden sensibilisiert.
Im Landkreis Heidenheim werden derzeit rund zehn Prozent der Kinder ein zweites Mal untersucht. Die Probleme reichen von mangelnder Förderung bis zu nicht altersentsprechendem Verhalten. Durch die frühe erste Untersuchung könne hier noch viel Unterstützung vor der Einschulung erfolgen, wobei es auch um die Aufklärung der Eltern gehe. Die Elternarbeit sei intensiver. Durch die ESU könne mehr Kindern eine bessere Chance auf einen guten Start in die Schule geboten werden. Entscheidend sei dabei, dass Eltern, Kindergärten, Schulen und Gesundheitsamt an einem Strang ziehen.

Info: Die Entscheidung über die Einschulung eines Kindes trifft die Schule, die bei Bedarf um die Befunde des Gesundheitsamtes bittet. Diese werden nur mit Zustimmung der Eltern an die Schule weitergegeben. Im Landkreis Heidenheim werden pro Jahrgang rund acht Prozent der Kinder um ein Jahr zurückgestellt, ca. zwei Prozent der Kinder werden frühzeitig eingeschult. Die Daten der Einschulungsuntersuchung werden im Landratsamt Heidenheim digitalisiert und anonymisiert an das Landesgesundheitsamt geleitet. Die landesweit erhobenen Daten bilden die Grundlage für die Gesundheitsberichterstattung in Baden-Württemberg, die beispielsweise über die Impfquoten bei Kindern im Vorschulalter Auskunft gibt.


Dr. Karin Steinhart, Ärztin beim Gesundheitsamt (Landratsamt Heidenheim), bei der Einschulungsuntersuchung eines Kindes.