Sonntag, 25. Dezember 2016

Landratsamt: Großes Interesse am Fachtag über neue psychoaktive Substanzen

     

Rund 80 im Schulbereich oder in der Jugendarbeit tätige Fachkräfte wurden am Donnerstag, 15.12.2016, von Landrat Thomas Reinhardt ins Landratsamt Heidenheim eingeladen, um sich während des dort stattfindenden Fachtages über neue psychoaktive Substanzen (NPS), so genannte „Legal Highs“, zu informieren. Drei Fachreferenten beleuchteten, was sich hinter diesen Substanzen mit bewusstseinsverändernder Wirkung verbirgt, wie die Rechtslage aussieht und welche Folgen der Konsum haben kann.
Vor allem im Internet wird eine Vielfalt von unberechenbaren Substanzen angeboten – hierzu zählen vorwiegend „Legal Highs“. Diese werden häufig getarnt als harmlose Kräutermischungen oder Badesalze angeboten, enthalten sind aber Derivate von Cannabinoiden über MDMA (Wirkstoff, der in der Droge mit dem Szenenamen Extasy/XTC enthalten ist) bis zu Amphetaminen. Der Konsum dieser Substanzen kann schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen und im schlimmsten Fall tödlich enden. Der Bundestag hat reagiert und im September das Gesetz zur Bekämpfung der Verbreitung neuer psychoaktiver Stoffe beschlossen, womit bestimmte Stoffgruppen verboten werden.

Die Entstehung des vom Landkreis Heidenheim mit Unterstützung des Fördervereins Sicherer Landkreis und der AOK Ostwürttemberg organisierten Fachtags zum Thema „Legal Highs“ geht auf Anregungen der Gremien, wie dem regionalen Aktionskreis Suchtprophylaxe mit dem kommunalen Suchthilfenetzwerk, dem Vernetzungstreffen der offenen Jugendarbeit sowie den Teamtreffen der Schulsozialarbeiter, zurück. In allen Gremien sei ein erweiterter Informationsbedarf zum Thema NPS festgestellt worden und auch in Vereinen sei das Thema präsent, so Dieter Henle, Sozialdezernent des Landkreises Heidenheim. Wie Henle zu gleich betonte, „brennt das Thema zwar unter den Nägeln“, was aber keinesfalls bedeute, dass der Landkreis Heidenheim von dieser Problematik mehr als andere betroffen sei. Der Landkreis wolle sich mit dieser Veranstaltung den auftretenden Herausforderungen, die sich seit Anfang dieses Jahrhunderts durch die starke Zunahme an unterschiedlichen Substanzen und auch veränderte Beschaffungswege wie das Internet zunehmend ergeben, proaktiv stellen, betonte der Sozialdezernent den päventiven Charakter der Veranstaltung. Derzeit stünden über 560 neue psychoaktive Substanzen auf der Liste der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD). „Junge Konsumenten fungieren womöglich unwissentlich als menschliche Versuchskaninchen für Substanzen, deren potenzielle Gesundheitsrisiken weitgehend unbekannt sind“, zitierte Henle den Bericht der EBDD.

Wie auch Professor Dr. Volker Auwärter, Leiter des Bereichs forensische Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg, in seinem Vortrag hervorhob, seien neue Stimulanzien und Designerdrogen auf dem Vormarsch. Synthetische Cannabinoide würden dabei aufgrund der einfachen und hohen Verfügbarkeit und der niedrigen Preise häufig als schwer nachweisbare Alternative zu Cannabis genutzt, seien jedoch gefährlicher als Cannabis. Die von den Wissenschaftlern bestellten Probepackungen derselben Sorte und Charge ergaben höchst unterschiedliche Mengen an Wirkstoffanteilen. Für die Konsumenten ist somit keine kontrollierte Dosierung möglich und birgt dadurch hohe Gefahren.

Kriminaloberrat Nicolaus Held von der Kriminalpolizeidirektion in Ulm betrachtete die rechtliche Perspektive und ging dabei auch auf die Rauschgiftkriminalität, die sich im Landkreis Heidenheim im Langzeitvergleich auf einem niedrigen Niveau bewegt, ein. Mit dem am 26. November dieses Jahres in Kraft getretenen Gesetz zur Bekämpfung der Verbreitung neuer psychoaktiver Stoffe (Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz – NpSG) soll durch ein weitreichendes Verbot des Erwerbs, Besitzes und Handels mit NPS die Verfügbarkeit als Konsum- und Rauschmittel eingeschränkt werden – damit sei eine Gesetzeslücke geschlossen worden. Das bietet neue und wichtige Möglichkeiten für Strafverfahren und Ermittlungen. Hohe Priorität räumt die Polizei der Prävention ein. In Zusammenarbeit mit Partnern des Landratsamtes und der Beratungsstelle des Diakonischen Werks veranstalte die Polizei auch im Landkreis Heidenheim Präventionsveranstaltungen, überwiegend in Schulklassen der Stufe 8 oder für Lehrer und Eltern, so Held.

Dr. Markus Leibfarth, Facharzt für Psychiatrie und seit 1998 ärztlicher Leiter der Drogenentzugsstation Mariatal am ZfP Weissenau, schilderte, welche Reaktionen synthetische Cannabinoide auslösen können: Diese reichen von paranoiden Gedanken über Übelkeit, Erbrechen bis zu Störungen der Koordination, Panikattacken, Misstrauen, Verfolgungsideen, bedrohliche Halluzinationen und Realitätsverlust. In seltenen Fällen sind auch Todesfälle bekannt. Wie Leibfarth betonte, haben synthetische Cannabinoide ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial.

In der anschließend von den Organisatoren Peter Barth, Suchtbeauftragter des Landkreises Heidenheim, und Harald Wirth, Kreisjugendreferent, moderierten Podiumsdiskussion mit den Referenten und Fachkräften konnten sehr viele Fragen für die Praxis beantwortet und geklärt werden. Unter anderem wurden offizielle und staatlich geförderte Informationsquellen präsentiert, welche für die Besucher über den Fachtag hinaus einen Mehrwert an Handlungssicherheit in der Arbeit mit jungen Menschen bedeuten. Gleichzeitig wurden unter den Anwesenden verschiedene Kooperationen angeboten sowie neue Vernetzungen auch mit den Fachreferenten geknüpft, die nachhaltig eine Qualtitätssteigerung in der pädagogischen Arbeit ergeben werden.