Montag, 24. Juli 2017

Wo der Mensch die Kunst erfand

     

Eiszeitliches Fest im Archäopark Vogelherd: Förderverein Eiszeitkunst im Lonetal feierte Welterbeanerkennung – und blickte gleichzeitig auf zehn Jahre Arbeit zurück

Knapp 300 Vertreter der kommunalen Politik, Freunde, Förderer und Sponsoren der Eiszeitkunst kamen am Freitagabend (21.07.2017) zur Lonetalfeier in den Archäopark Vogelherd (Niederstotzingen, Landkreis Heidenheim), um die Anerkennung der Höhlen im Lone- und Achtal als Weltkulturerbe zu feiern. Eingeladen hatte der Förderverein Eiszeitkunst im Lonetal in Kooperation mit der Stadt Niederstotzingen und dem Landkreis Heidenheim.

Grund zum Feiern bot aber nicht nur die Entscheidung der UNESCO-Welterbekommission vor rund zwei Wochen, sondern auch das zehnjährige Bestehen des Fördervereins, der die Eiszeitkunst und die archäologischen Forschungen im Lonetal tatkräftig unterstützt. Wichtigster Aktionsschwerpunkt in der Vereinsarbeit ist die Fundstelle Vogelherd. Dies drückt sich besonders in der Unterstützung für den Archäopark als Informations- und Besucherzentrums beim Vogelherd aus.

Im Archäopark wurde nun auch einen Abend lang über Bedeutung der Eiszeitkunst und die Auswirkungen der Welterbeanerkennung gesprochen. Als Festredner kam Guido Wolf MdL, Minister der Justiz und für Europa, ins Lonetal. Einen von vielen heiß ersehnten Scheck – gerne über eine halbe Million, wie Moderatorin Andrea Loser zu Beginn anmerkte – habe er allerdings nicht dabei, so der Minister. Schließlich sei der Haushalt 2018/2019 erst in der Beratung. Wenn auch die Zusage über eine finanzielle Förderung ausblieb, so sparte der Minister doch nicht an lobenden Worten für die Akteure vor Ort, die sich mit viel Herzblut, Arbeit und Leidenschaft engagieren. Ganz deutlich wurde in seiner Rede, wie stolz er darauf ist, dass es nun mit den Höhlen im Lone- und Achtal bereits die sechste Welterbeanerkennung in Baden-Württemberg gegeben habe. Klare Worte sprach er mit Blick auf die Präsentationsstätten der eiszeitlichen Funde: „Lasst diese wunderbaren Funde dort, wo man sie gefunden hat“, so Wolf, der freimütig einräumte, stets ein „Mammutle“ bei sich zu haben – und zwar in Form eines Schlüsselanhängers mit Einkaufswagenchip, den er bei einem seiner inzwischen drei Besuche im Archäopark Vogelherd erhalten habe. Doch nicht nur das Mammut hatte es Wolf, der versicherte, dass der gemeinsame Auftrag zur Pflege und zum Erhalt des Welterbes angenommen werde, angetan: „Wer die Wiege der Kunst sehen will, muss rauf auf die Schwäbische Alb“, so der Minister. Die hier ausgegrabenen Funde würden deutlich zeigen, „vor 40.000 Jahren waren Künstler auf der Schwäbischen Alb am Werk“.

Von einem „kulturellen Urknall“ in den Höhlen im Lone- und Achtal sprach der Hauptorganisator des Abends, Fördervereinsvorsitzender Hermann Mader. Die Region sei die Wiege der Kunst, der Kultur und der Musik weltweit, so Mader, der die Frage aufwarf, ob es ohne die Eiszeitkünstler der Schwäbischen Alb Künstler wie Picasso überhaupt gegeben hätte. „Auf jeden Fall hätten wir ohne sie heute nichts zu feiern“, beantwortet er seine Frage auch gleich selbst. Deutlich wurde Mader, der die vergangenen zehn Jahre des Fördervereins Revue passieren ließ, mit Blick auf die Präsentationsorte der Funde: „Wir wollen noch mehr Funde vor Ort haben.“

Landrat Thomas Reinhardt (Landkreis Heidenheim) bezeichnete den Kreis Heidenheim, den Alb-Donau-Kreis und die Stadt Ulm als Eiszeitregion, die es noch enger zu vernetzen gelte – besonders auch mit Blick auf den Tourismus. „Wir werden das nur gemeinsam schaffen“, so Reinhardt, der in finanzieller Hinsicht auch Land und Bund ansprach. „Wir brauchen ganz massiv deren finanzielle Unterstützung“, so der Landrat, der sich ein Förderprogramm speziell für das Thema Welterbe wünscht. Auch Landrat Heiner Scheffold (Alb-Donau-Kreis) sprach sich klar dafür aus, die Zusammenarbeit in der Eiszeitregion noch zu intensivieren. Die nächsten Schritte stehen bereits fest: So wird im Alb-Donau-Kreis für die administrative Ebene eine gemeinsame Geschäftsstelle für den Landkreis Heidenheim, den Alb-Donau-Kreis und die Stadt Ulm eingerichtet. Wie Scheffold betonte, müssen zudem die Fundorte mit den Päsentationsorten optimal vernetzt werden: „Wir müssen touristische Gesamtpakete schnüren“ – sowohl für die Besucher, die aufgrund des Welterbes anreisen, als auch beispielsweise für Radtouristen, die in die Region kommen.

Bürgermeister Marcus Bremer (Stadt Niederstotzingen) berichtete den Gästen, dass der Archäopark Vogelherd seit der Welterbeanerkennung bereits deutlich steigende Besucherzahlen aufzuweisen hat. Der Bürgermeister machte deutlich, wie stolz er auf die Welterbestätte in seiner Kommune ist und ging in humorvoller Weise auch auf die Funde aus der Vogelherdhöhle ein: Beim Pferdle sei es wie bei manchem Reitpferd: „Manchmal gehört’s einem, steht aber in einem anderen Stall.“ Dass großes Interesse daran besteht, die Fundstücke auch vor Ort im Original zu zeigen, machte Bremer aber ebenfalls deutlich – Möglichkeiten wie eine Dauerausstellung oder Sonderleihgabe gelte es noch zu diskutieren.

Professor Nicholas Conard, Inhaber des Lehrstuhls für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Uni Tübingen und Leiter der Grabungsmannschaften in den Höhlen des Ach- und Lonetals, belegte nachdrücklich die Bedeutung der Funde aus den Eiszeithöhlen der Region: „Nirgendwo auf der Erde sind bislang solche Funde gemacht worden.“ Diese Funde und Fundstätten hätten Bedeutung für alle Menschen auf der Erde – aus eben diesem Grund sei auch die Welterbeanerkennung ausgesprochen worden. Dass in der Region ein wichtiger Schritt für alle Menschen gemacht worden sei, sei wichtiger als zu sagen: „Wir Schwaben haben es geschafft“, so der Professor schmunzelnd. Für Grummeln im Publikum sorgte allerdings eine weitere Einschätzung, getroffen aus rein wissenschaftlicher Sicht wie Conard betonte, wonach er sich nicht vorstellen könne, dass es nicht auch woanders derartige Funde gebe. Jedoch seien diese definitiv noch nicht gefunden worden, betonte der Professor, der sich deutlich mehr Grabungsmöglichkeiten wünschen würde.

Auf die Bühne traten auch der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter sowie die Landtagsabgeordneten Andreas Stoch und Martin Grath. Kiesewetter machte deutlich, wie die Chance auf eine Förderung durch den Bund erhöht werden könnte und plädierte unter anderem an alle Akteure, mit einem einheitlichen Konzept auf den Bund zuzugehen. Stoch lobte die riesengroße Gemeinschaftsleistung, die in der Region erbracht worden sei und hob zugleich hervor, dass die weitere Finanzierung und Präsentation des Welterbes nicht allein den Kommunen überlassen werden dürfe – das sei eine nationale Aufgabe. Grath brachte seine Erfahrungen aus dem Naturtheater Heidenheim ein, wie Menschen für eine Sache begeistert werden können: Es müssten Emotionen geweckt werden, für Besucher weitere Möglichkeit geschaffen werden wie die Eiszeitmenschen zu schaffen, zu essen und zu spielen, um noch mehr Gäste zu begeistern.

Ebenfalls zur Talkrunde eingeladen waren wichtige Vertreter der Sponsoren des Fördervereins Eiszeitkunst im Lonetal: Dr. Michael Rogowski, Vorsitzender des Stiftungsrats der Hanns-Voith-Stiftung, und Dieter Steck, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heidenheim. Beide sind seit Vereinsgründung bedeutende Förderer, die auch bei der Lonetalfeier die Gelegenheit nutzten, um weitere Unterstützung zu werben. Schmunzelnd schilderte Rogowski dabei seine Vision von 100.000 Besuchern jährlich im Ach- und Lonetal, stellte aber zugleich die naheliegenden Fragen, wo eben diese Besucher „parken, aufs Häusle gehen oder verköstigt werden sollen“. Ideen habe der Förderverein hierzu viele – aber für diese Ideen brauche es Geld und zudem viel Fleißarbeit, um möglichst viele Besucher ins Ach- und Lonetal zu bekommen, so Rogowski.

Ein wichtiger Unterstützer ist auch Martin Wilhelm, Geschäftsführer der Heidenheimer Zeitung, dessen Familie seit vielen Jahren beispielsweise Kultur und Sport im Landkreis Heidenheim fördert. Wilhelm präsentierte den Besuchern der Lonetalfeier einen anlässlich der Welterbeanerkennung entworfenen Schmuckbogen – die Briefmarken-Sonderedition soll in limitierter Auflage in wenigen Wochen erhältlich sein, wobei ein Teil der Einnahmen an den Archäopark Vogelherd geht.

Den Abschluss bei der Talkrunde machte Lotte Folberth, eine Schülerin des Max-Planck-Gymnasiums in Heidenheim, die über ihre Seminararbeit zum Thema Eiszeit und Eiszeitkunst berichtete. Spannend fände die Schülerin auch einen kurzen Blick in diese Zeit: „Aber nur einen Tag – länger wäre mir zu kalt“, erklärte sie der Moderatorin.

Prominentester Gast des Abends war der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland bei der UNESCO in Paris, Dr. Michael Worbs, welcher auch Vorsitzender des Exekutivrats der UNESCO ist.
Er und seine Gattin weilten bis kurz vor Mitternacht im herrlich dekorierten Archäopark, zwischen Kerzenlicht und Feuerkörben.
Freilich bei deutlich höheren Temperaturen als in Eiszeiten erlaubte das Ensemble Auriginalklang in eiszeitlicher Kleidung im Festzelt mit dem Stück Ice Age Live und den Klängen unter anderem aus Mammutelfenbein- und Vogelknochenflöten einen Blick in längst vergangene Zeiten.
Die Lonetalfeier fand aber nicht nur auf der „Bühne“ statt – ganz im Gegenteil: Die Organisatoren hatten ein vielfältiges eizeitliches Rahmenprogramm organisiert. Und so kamen die Gäste unter anderem zwischen eiszeitlichem Buffet, einer Mammut-Schau aus von Firmen, Institutionen und Schulen gestalteten Kunstwerken und der anschaulichen Darstellung einer Materialsammlung bei Ausgrabungen durch Mitarbeiter der Uni Tübingen ins Gespräch – Hauptthema: natürlich die Welterbeanerkennung. Der Gang zur Welterbe-Höhle Vogelherd durfte für viele ebenfalls nicht fehlen: Auf dem Weg zur Höhle erfuhren die Gäste von Ewa Dutkiewicz, wissenschaftliche Beraterin des Archäoparks Vogelherd von der Uni Tübingen, an ausgewählten Stationen des Parks gleich auch allerhand weitere Infos über das alltägliche Leben der eiszeitlichen Künstler. Zahlreiche Helfer, u. a. der Liederkanz Niederstotzingen und das Archäoparkteam, boten eine stimmungsvolle Atmosphäre bei bestem Wetter an einem herrlichen Sommerabend.

Info: Das UNESCO-Welterbekomitee hat am 9. Juli 2017 in Krakau Höhlen und Eiszeitkunst im Schwäbischen Jura in Baden-Württemberg in die Welterbeliste aufgenommen. Zu den Fundstätten der Eiszeit gehören im Lonetal die Vogelherdhöhle (Niederstotzingen, Landkreis Heidenheim) sowie die Höhlen Hohlenstein und Bockstein (Alb-Donau-Kreis). Im Achtal (Alb-Donau-Kreis) gehören die Höhlen Hohle Fels, Geißenklösterle und Sirgenstein dazu. Bislang sind in den Höhlen mehrere Flöten und über 50 figürliche Kunstobjekte gefunden worden, darunter auch das Mammut vom Vogelherd, das in dem die Vogelherdhöhle umgebenden Archäopark Vogelherd ausgestellt ist. Weitere Informationen zu den einzigartigen Funden und den außergewöhnlichen Fundorten gibt es unter www.welt-kultursprung.de. Infos zum Förderverein Eiszeitkunst im Lonetal bietet die Seite www.foerderverein-eiszeitkunst.de.