Freitag, 18. August 2017

Kompetenzzentrum Pflege & Senioren: Rat und Tat im Pflegefall

     

Seit fast drei Jahren gibt es im Landratsamt Heidenheim ein Kompetenzzentrum Pflege & Senioren. Das kommt gut an: Die Zahl der Ratsuchenden steigt kontinuierlich an – nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher Änderungen.
Es ist längst kein Geheimnis mehr: Die Zahl der älteren Menschen nimmt zu – und damit natürlich auch die Zahl derer, die im Alter auf Pflege und Unterstützung angewiesen sind. Für die Betroffenen ebenso wie für deren Angehörige gibt es im Landratsamt je nach Bedarf verschiedene Anlaufstellen, die 2014 im Kompetenzzentrum Pflege & Senioren direkt im barrierefreien Eingangsbereich des Landratsamtes in der Felsenstraße zusammengelegt wurden. Wer Infos zum Thema Pflegebedürftigkeit benötigt ist hier ebenso richtig wie derjenige, der einen Heimplatz oder ambulante Hilfe sucht oder auch einen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellen möchte. Denn Tür an Tür finden die Menschen aus dem Landkreis den Pflegestützpunkt, die Leistungsabteilung Hilfe zur Pflege und die Altenhilfefachberatung sowie einmal monatlich die Beratung des Kreisseniorenrats.
Gerade der Pflegestützpunkt ist dabei für viele Betroffene eine erste Anlaufstelle, wobei die Mitarbeiterinnen eine kostenlose und neutrale Beratung – bei Bedarf auch gerne vor Ort bei den Pflegebedürftigen – bieten. Ob Hausbesuch oder im Amt: Im Mittelpunkt der Beratungsgespräche steht immer, wie es mit entsprechenden Hilfen möglich ist, dass pflegebedürftige Menschen möglichst lange in ihrem Zuhause bleiben können. Das Beratungsangebot des Stützpunktes wird dabei in den meisten Fällen von Angehörigen in Anspruch genommen – zumeist mit Blick auf die Versorgung eines Familienmitglieds im Alter zwischen 70 und 90 Jahren, das aufgrund von Krankheit oder Unfall pflegebedürftig geworden ist. Wie Stützpunktmitarbeiterin Veronika Bruckner betont, gebe es aber auch Pflegebedarf bei jüngeren Menschen oder sogar Kindern – „auch hier sind wir natürlich beratend und unterstützend tätig“. Die Zahl der Ratsuchenden steigt dabei seit Jahren an – als der Pflegestützpunkt 2012 eingerichtet wurde waren es übers Jahr verteilt etwas mehr als 1000 Kontakte, pro Jahr kamen etwa 350 dazu und nach Einrichtung des Kompetenzzentrums wurde die 2000er-Marke geknackt. Nach der Pflegereform stieg der Beratungsbedarf noch einmal deutlich an – allein in der ersten Jahreshälfte 2017 gab es schon 1200 Beratungskontakte.
An erster Stelle stünden derzeit Fragen zu den Leistungen der Pflegeversicherung, so Veronika Bruckner. Durch die Pflegereform sei das Thema noch komplexer geworden, „natürlich ergeben sich dadurch sehr viele Fragen zu den Ansprüchen aber auch dazu, wofür die Leistungen verwendet werden können“. Informiert wird beim Pflegestützpunkt aber nicht nur zu finanziellen Themen, sondern beispielsweise auch darüber, wie die Versorgung etwa durch einen ambulanten Pflegedienst, Essen auf Rädern, Tagespflege oder Nachbarschaftshilfe gewährleistet oder wie eine Wohnung umgebaut werden kann. Zu Letzterem beraten nicht nur die Mitarbeiterinnen beim Pflegestützpunkt, sondern auch die Mitglieder des Kreisseniorenrats in einer monatlichen Wohnberatungs-Sprechstunde im Landratsamt. Bei Bedarf geht das Unterstützungsangebot des Pflegestützpunktes auch über reine Beratung hinaus. „Pflegebedürftigkeit kommt oft sehr plötzlich. Für viele Betroffene und auch deren Angehörige ist es eine enorme psychische Belastung, damit klar zu kommen und auch alles zu organisieren, um die Situation in den Griff zu bekommen“, erklärt Veronika Bruckner. Immer wieder seien Betroffene erstmal überfordert damit, die ersten Schritte zu bewältigen. „Wir übernehmen dann, führen Gespräche zum Beispiel mit den ambulanten Diensten oder den Krankenkassen und organisieren ein entsprechendes Pflegenetz.“
Ist eine stationäre Unterbringung notwendig, hilft der Pflegestützpunkt zudem bei der Heimplatzsuche. Und, wenn die entsprechenden Leistungsvoraussetzungen vorliegen, bei der Beantragung von Hilfe zur Pflege, also der Übernahme der nicht durch die Pflegekasse gedeckten Heimkosten. Hilfe zur Pflege gibt es übrigens auch für ambulante Maßnahmen – in rund drei Viertel der Fälle werden aber Leistungen für stationäre Unterbringung beantragt. Ob für stationäre oder ambulante Maßnahmen – gerade bei der Antragstellung hat sich der kurze Dienstweg zur Leistungsabteilung im Kompetenzzentrum längst bewährt. Und das nicht nur, weil viele Betroffene schon vorab beim Pflegestützpunkt klären, ob ein Antrag überhaupt Sinn macht.
Wenn ein Antrag gestellt wird, werden in der Leistungsabteilung persönliche Gespräche geführt. „Das ist für uns sehr wichtig, denn die Verhältnisse der Antragsteller sind oft sehr komplex. Oft wissen die Kinder eines Pflegebedürftigen gar nicht, welches Vermögen oder welche Versicherungen die Eltern haben. Und natürlich ist es für viele auch nicht alltäglich, seine eigenen Verhältnisse komplett offenlegen zu müssen“, erklärt Teamkoordinatorin Nadine Maier. Dass bei diesem hochsensiblen Thema die Emotionen hochkochen können, haben die vier Mitarbeiterinnen der Leistungsabteilung schon häufig erlebt. „Der Gedanke, ein Leben lang hart gearbeitet zu haben und nun seine Ersparnisse einsetzen zu müssen, ist natürlich für viele Betroffene ebenso hart, wie für die Angehörigen die Tatsache, dass ihr mögliches Erbe eingesetzt wird“, sagt Silvia Sauter, Leiterin des übergeordneten Fachbereichs Soziale Sicherung und Integration. Für die dementsprechend nicht immer leichten Gespräche nehmen sich die Mitarbeiterinnen viel Zeit – „zwischen einer und eineinhalb Stunden für das erste persönliche Gespräch ist normal“, erklärt Nadine Maier, deren Team dabei eine kontinuierlich steigende Zahl an Anträgen zu prüfen hat. Allein dieses Jahr gingen schon rund 200 Neuanträge ein – bis Anfang August 2016 waren es 171. Hintergründe für die zunehmende Zahl an Anträgen sind der demografische Wandel und eine erhöhte Vermögensschongrenze – nicht jedoch eine zunehmende Heimunterbringung. „Das Prinzip ambulant vor stationär funktioniert: Die Verweildauer der Heimbewohner im hohen Alter liegt im Durchschnitt nur noch bei rund zwei bis sechs Monaten“, so Silvia Sauter. Das hängt natürlich auch mit der Zahl an ambulanten Angeboten zusammen, die im Landkreis Heidenheim seit Jahren ansteigt – und weiterhin am Bedarf ausgerichtet werden soll. Wenn also beispielsweise beim Pflegestützpunkt ein Bedarf an bestimmten Angeboten erkannt wird, ist Sibylle Schumann von der Altenhilfefachberatung – ebenfalls Teil des Kompetenzzentrums Pflege und Senioren – das Bindeglied zu den Trägern. Sie erstellt die Sozialplanungen für Senioren – wie entwickeln sich die Bevölkerungszahlen, wo leben die Menschen und welchen Bedarf an stationären und ambulanten Angeboten gibt es – und hat regelmäßige Termine mit den Trägern ebenso wie mit den Vertretern der Städte und Gemeinden. „Mit den Beteiligten bin ich im Gespräch, was benötigt wird, und ich berate die Einrichtungen bei der Implementierung neuer Angebote“, erklärt Sibylle Schumann.
„Die Zusammenarbeit im Kompetenzzentrum ist sehr gut und hat sich bewährt – unsere Beratungs- und Hilfsangebote für Senioren und Pflegebedürftige ebenso wie für deren Angehörige werden seit der Bündelung der Bereiche noch besser angenommen“, sagt Silvia Sauter. „Auch spontane Besuche ohne Voranmeldung haben zugenommen, gerade beim Pflegestützpunkt, der eine Lotsenfunktion einnimmt.“ Und natürlich könne man sich in komplexen Bedarfslagen deutlich besser abstimmen. Als weiteren Vorteil sieht die Fachbereichsleiterin die seit der Einrichtung des Kompetenzzentrums angebotene Sprechstunde des Kreisseniorenrats, der zudem eine Wohnberatung anbietet. „So können mit kurzen Wegen viele Themen der Ratssuchenden angegangen werden“, so Silvia Sauter, die betont: „Mit dem Kompetenzzentrum ist eine bürgerfreundliche und barrierefreie Anlaufstelle mit niederschwelligem Zugang geschaffen worden, die vielen Menschen Rat und Tat in einer sehr schwierigen Lebenslage bietet.“
Info: Erste Anlaufstelle im Kompetenzzentrum Pflege und Senioren ist der Pflegestützpunkt. Die Mitarbeiterinnen sind telefonisch unter 07321/321-2424 oder 07321/321-2473 zu den Sprechzeiten zu erreichen. Diese sind Montag bis Freitag von 8.30 bis 12 Uhr sowie Montagnachmittag von 14 bis 16 Uhr und Donnerstagnachmittag von 14 bis 17.30 Uhr. Zusätzlich jeden 2. Donnerstag in der Außenstelle im Rathaus Giengen, Marktstraße 11, von 9 bis 11.30 Uhr; die nächsten Termine in Giengen finden am 24. August und am 7. September statt, um Anmeldung wird gebeten. Neben den regulären Öffnungszeiten des Pflegestützpunktes können auch Termine außerhalb der Sprechzeiten vereinbart werden. Weitere Infos im Internet unter www.landkreis-heidenheim.de.


Arbeiten im Kompetenzzentrum Pflege & Senioren eng zusammen: Fachbereichsleiterin Silvia Sauter (von links), Teamkoordinatorin Nadine Maier (Hilfe zur Pflege), Veronika Bruckner (Pflegestützpunkt) und Sibylle Schumann (Altenhilfefachberatung).