Samstag, 30. Dezember 2017

Zweite Chance auf Familie

     

Wie sieht die perfekte zweite Familie aus? Eine Frage, die die Mitarbeiterinnen des Pflegkinderfachdienstes im Landkreis Heidenheim regelmäßig beantworten müssen. Denn sie begeben sich mehrfach im Jahr auf die Suche nach dem bestmöglichen neuen Zuhause für Kinder oder Jugendliche, die nicht bei der leiblichen Familie bleiben können.

Auf der Suche nach den passenden Pflegeeltern muss es oft schnell gehen. „Am besten ist es natürlich, wenn man zuvor Informationen über das Kind und die Herkunftsfamilie hat, die leiblichen Eltern einverstanden sind und es mehrere vorbereitende Treffen zwischen Pflegefamilie und Pflegekind geben kann“, sagt Ute Beißwenger, die zusammen mit Dagmar Lübcke-Klaus und Jutta Kiesel das Team des Pflegekinderfachdienstes im Landratsamt bildet. Eine so behutsame Anbahnung ist jedoch ein Idealfall, den es leider nur selten gebe – deutlich häufiger müsse innerhalb kürzester Zeit ein neues Zuhause gefunden werden. Dann nämlich, wenn das Kind oder der Jugendliche akut gefährdet ist: Vernachlässigung haben die Mitarbeiterinnen des Jugendamts dabei ebenso schon erlebt wie körperliche oder psychische Gewalt verbunden mit vielfältigen Problemlagen der leiblichen Eltern von Suchtproblemen bis zur psychischen Erkrankung, sagt die stellvertretende Fachbereichsleiterin Yvonne Kälble. Zumeist ist auch das Familiengericht beteiligt wenn ein Kind in so einer Lage schnell in eine Pflegefamilie wechseln muss. Zeit lange zu suchen bleibt dann keine. Schnellstmöglich muss ein freier Platz gefunden werden – und schon das ist die erste Hürde: Denn der Pflegekinderfachdienst ist zwar für fast 80 Pflegefamilien zuständig, doch fast alle Plätze sind bereits belegt. Die zweite Hürde ist es, die perfekte Konstellation zu finden. Denn die Wünsche der Pflegeeltern müssen ebenso wie die familiäre Situation der neuen Familie berücksichtigt werden. „Das ist natürlich auch kein Wunschkonzert. Aber es muss passen, damit die Pflegekinder die bestmögliche Chance haben in die Pflegefamilien hineinzuwachsen“, sagt Dagmar Lübcke-Klaus. Besonders wichtig sei hierbei beispielsweise das Alter der künftigen Pflegegeschwister. „Wir tragen dabei, die richtige Familie zu finden, eine sehr große Verantwortung. Denn wir wollen den Kindern möglichst keinen weiteren Abbruch zumuten, nur weil es in der Pflegefamilie nicht klappt“, so Ute Beißwenger. Fälle, die es glücklicherweise nur sehr selten gebe. „Deshalb ist es uns wichtig, schon vorab möglichst viel über die Pflegeeltern zu erfahren und gleichzeitig die Pflegeeltern bestmöglich zu informieren“, ergänzt Dagmar Lübcke-Klaus.

Wer Interesse hat ein Pflegekind aufzunehmen kommt zunächst zu einer Einzelberatung, dann reichen die künftigen Pflegeeltern Bewerbungsunterlagen ein, zu denen beispielsweise auch ein eintragsfreies Führungszeugnis zählt, und werden – wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind – zu einem mehrteiligen Vorbereitungsseminar eingeladen. An mehreren Abenden wird über Themen vom Bindungsaufbau bis zu Verhaltensauffälligkeiten informiert – auch aus der Praxis, von langjährigen Pflegeeltern. Anschließend wird gemeinsam mit der Pflegefamilie ein Profil erstellt, in welchem die Möglichkeiten und Grenzen der Familie besprochen werden. Die künftigen Pflegeeltern sollen so bestmöglich darauf vorbereitet werden, dass viele Pflegekinder einen „großen Rucksack an Erfahrungen mitbringen, den sie bei der Pflegefamilie erst mal ausleeren“, erklärt Ute Beißwenger. Das heißt, dass sich die Pflegeeltern zumeist auf Verhaltensbesonderheiten einstellen müssen. Viele Kinder seien traumatisiert und kommen aus den schwierigsten Verhältnissen. So werde von den Kindern beispielsweise häufig am Anfang Essen gehortet, unter dem Bett oder in anderen Verstecken. „Die Kinder haben das Gefühl, sich selbst versorgen zu müssen, weil ihnen das zu einem anderen Zeitpunkt das Überleben gesichert hat. Wichtig ist zu erkennen, dass es für das Verhalten der Kinder immer einen Grund gibt – und auch, die Kinder so anzunehmen wie sie sind, statt sie an den eigenen Erwartungen zu messen.“

Dass Pflegekinder eine intensivere Betreuung brauchen und am Anfang der Alltag nicht mehr wie gewohnt möglich ist, daraus machen die Mitarbeiterinnen des Pflegekinderfachdienstes keinen Hehl. „Wir versuchen zudem den Pflegeeltern bewusst zu machen, dass ein Pflegekind nicht glücklich sein muss, weil es von seinen Eltern weg ist – egal was zuhause passiert ist“, betont Ute Beißwenger. Allerdings gebe es – insbesondere bei den Jugendlichen – auch Fälle, in welchen die Kinder selbst den Wunsch äußern, von ihren Eltern wegzukommen. „Unter den Jugendlichen sind das etwa zwei Drittel, die selbst diese Entscheidung treffen“, so Yvonne Kälble. Deutlich häufiger kommt es jedoch vor, dass jüngere Kinder im Kindergarten- oder Vorschulalter in Obhut genommen werden müssen; im vergangenen Jahr waren mehr als 50 von rund 70 Vollzeitpflegekindern gerademal zwischen null und 13 Jahre alt. Egal wie alt die Pflegekinder seien – Ziel sei es immer, dass sie wieder in ihre Herkunftsfamilien zurückkehren können, so Ute Beißwenger. Darauf müssten sich die Pflegefamilien ebenso einlassen können wie darauf, mit den Herkunftsfamilien den Kontakt zu halten – denn der Umgang der Pflegekinder mit ihren leiblichen Eltern werde wenn möglich immer gefördert.

Die Mehrheit der Pflegekinder bleibe dennoch in der Pflegefamilie bis sie selbstständig werden, so die Erfahrung im Pflegekinderfachdienst. Während all der Jahre in der neuen Familie werden die Pflegekinder ebenso wie die Pflegeeltern von den Mitarbeiterinnen des Pflegekinderfachdienstes begleitet. „Am Anfang ist der Kontakt natürlich am intensivsten, es gibt häufigere Hausbesuche. Bei Fragen können und sollen sich die Familien aber auch später jederzeit mit uns in Verbindung setzen“, erklärt Jutta Kiesel. Denn auch wenn sich die Kinder bereits gut eingelebt hätten, stünde der Pflegekinderfachdienst weiterhin in Kontakt zu den Pflegefamilien, zweimal jährlich werden Hilfeplangespräche zur aktuellen Situation und zu den Perspektiven, etwa mit Blick auf die Rückkehr zur Herkunftsfamilie, geführt. Neben der direkten Betreuung werden Fortbildungsveranstaltungen ebenso wie Treffen für Pflegefamilien organisiert, „die Pflegefamilien werden auf keinen Fall allein gelassen“.
„Ein Pflegekind aufzunehmen erfordert Offenheit, Geduld, eine gute Portion Humor, natürlich auch die räumlichen Möglichkeiten ebenso wie eine gewisse Flexibilität und die Bereitschaft, mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten“, so Dagmar Lübcke-Klaus, die gemeinsam mit ihren Kolleginnen ständig auf der Suche nach weiteren Pflegeeltern ist. „Je mehr Pflegeeltern wir haben, desto mehr Kindern können wir ein Zuhause in einer zweiten Familie bieten – die Alternative ist ein Heim“, erklärt Jutta Kiesel und betont: „Wer sich bereit erklärt ein Pflegekind aufzunehmen bietet das Wichtigste im Leben eines Kindes: Familie. Viele Pflegekinder und -jugendliche haben eine heile Familie nie erlebt – in einer Pflegefamilie bekommen sie eine zweite Chance auf das, was alle Kinder haben sollten: ein sicheres, geschütztes und liebevolles Umfeld.“

Info:
Derzeit betreut der Pflegekinderfachdienst des Landkreises Heidenheim 79 Pflegefamilien, die Bereitschaftspflege (also eine kurzzeitige Aufnahme von Kindern und Jugendlichen) oder Vollzeitpflege anbieten beziehungsweise als Gasteltern für unbegleitete minderjährige Ausländer zur Verfügung stehen. In diesen Familien leben derzeit 79 Kinder und Jugendliche in Vollzeitpflege, sechs in der Bereitschaftspflege und sieben minderjährige Flüchtlinge in Gastfamilien. Im laufenden Jahr wurden acht Kinder in Vollzeitpflege untergebracht bzw. von anderen Landkreisen in die Zuständigkeit des Landkreises Heidenheim übernommen. Aktuell sind die Plätze für Pflegekinder im Landkreis Heidenheim weitgehend belegt, neue Pflegeeltern werden dringend gesucht. Sowohl Ehepaare als auch Alleinstehende oder gleichgeschlechtliche Paare können Pflegekinder aufnehmen. Weitere Informationen unter Tel. 07321 321-2527.