Freitag, 14. Dezember 2018

Netzwerk für eine demenzsensiblere Gesellschaft

Neugegründetes Netzwerk Demenz setzt sich für mehr Information, mehr Beratung und mehr Unterstützung für demenzkranke Personen und ihre Angehörigen ein.

Rund 60 Teilnehmer – Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die in der Betreuung oder Beratung von Pflegebedürftigen tätig sind, ebenso wie Vertreter der Krankenkassen, der Kommunen und der beruflichen Schulen – kamen zu der gemeinsam von Landkreis und Klinikum Heidenheim organisierten Kick-off-Veranstaltung für ein Netzwerk Demenz ins Landratsamt Heidenheim. Deutlich mehr als angemeldet, so dass kurzerhand noch zusätzliche Stühle in den Sitzungsraum geschafft wurden. Dass Demenz ein Thema ist, das bewegt – und bei weitem nicht nur die Betroffenen –, machte auch Landrat Thomas Reinhardt in seiner Begrüßung deutlich: „Die Diagnose Demenz verändert das Leben von Grund auf. Das Leben der Erkrankten. Aber auch das Leben der Angehörigen, die täglich um Lösungen für ein Leben mit Demenz bemüht sind und gleichzeitig miterleben müssen, wie sich ein geliebter Mensch massiv verändert.“ Wie der Landrat betonte, sei im Landkreis Heidenheim allein bei den über 65-Jährigen von mehr als 2800 an Demenz erkrankten Personen auszugehen – Tendenz deutlich steigend. „Darauf müssen wir reagieren, wir benötigen eine demenzsensible Gesellschaft, die lernt mit den erkrankten Menschen besser umzugehen und Angehörige besser zu stärken.“ Besondere Bedeutung hat hierbei für Udo Lavendel, Geschäftsführer der Kliniken Landkreis Heidenheim gGmbH, die Wissensvermittlung: „Um ein demenzsensibles Umfeld zu schaffen, ist es notwendig, über das Krankheitsbild Demenz verstärkt zu informieren.“ Ziel sei es, Handlungskompetenz herzustellen. Nicht minder wichtig ist für Lavendel eine bessere – auch sektorenübergreifende – Vernetzung, um im Leben mit Demenz, „das täglich neue Herausforderungen mit sich bringt“, bestmöglich zu unterstützen.

Dass das Netzwerk Demenz im Landkreis Heidenheim hierbei nicht bei null anfangen muss, schilderte die Altenhilfefachberaterin des Landkreises Heidenheim Sibylle Schumann, die gemeinsam mit Elke Fress-Kurz, Leiterin des Projekts Demenzsensibles Krankenhaus an den Kliniken in Heidenheim und Giengen, das Netzwerk initiiert hat.
So gibt es etwa schon unterschiedliche Beratungsmöglichkeiten, es gibt wöchentliche Betreuungsangebote ebenso wie verschiedene Formen der Nachbarschaftshilfen, einen häuslichen Betreuungsdienst und Hausbesuche – alles auf ehrenamtlicher Basis. Weitergehende Hilfen im häuslichen Umfeld werden durch die ambulanten Dienste geleistet und für längere Phasen außer Haus gibt es Tagespflegeangebote verschiedener Träger beziehungsweise dauerhafte Pflege in den Heimen im Kreis, die teils speziell mit einem Demenzwohnbereich ausgestattet sind. Auch Angebote für Angehörige werden im Kreis Heidenheim gemacht: von Gesprächs- und Begegnungscafés bis zu Vortragsreihen. Eine Angebotsübersicht bietet der Pflegestützpunkt des Landkreises Heidenheim in einer kostenlosen Broschüre.
Die Klinikgesellschaft hat sich des Themas Demenz ebenfalls besonders angenommen und bereits im Jahr 2016 das Projekt „Demenzsensibles Krankenhaus“ ins Leben gerufen. Wie Elke Fress-Kurz berichtete, sind zwischenzeitlich rund 250 Mitarbeiter der Kliniken fortgebildet worden. Die weitere Arbeit steht auch in enger Verbindung mit dem Netzwerk Demenz, denn Ziel ist es an den Kliniken ehrenamtliche Demenzbegleiter zu gewinnen.
„Die bisherigen Angebote sollen durch die Gründung des Netzwerkes unterstützt und ergänzt und natürlich vernetzt werden“, so Sibylle Schumann. Beratung bietet hierbei die Fachstelle Demenz und Kommune (DeKo) der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg. In ihrem Vortrag „Herausforderung Demenz – gemeinsam aktiv werden im Landkreis Heidenheim“ informierte Susanne Himbert von der Fachstelle DeKo über Inhalte, Ziele und Erfolgsfaktoren für Demenz-Netzwerke und stellte Best-Practice-Beispiele aus Baden-Württemberg vor. Die Fachstelle wird den Organisatorinnen auch weiterhin beratend zur Seite stehen.

Im Mittelpunkt der Kick-off-Veranstaltung stand die Zukunftswerkstatt, in der die Teilnehmer Ideen für eine demenzsensiblere Gesellschaft erarbeiteten und sich über den Handlungsbedarf im Kreis austauschten. „In der Diskussion hat sich bestätigt, dass es schon eine gute Grundstruktur gibt, auf der wir nun aufbauen können“, so Sibylle Schumann. Besonders wichtig war den Teilnehmern ein engerer Austausch aller Akteure. „Beispielsweise könnten dadurch Schulungsangebote für ehrenamtliche Helfer ebenso wie für Angehörige gebündelt werden“, erklärt Elke Fress-Kurz. Auch eine Ausweitung der Schulungen etwa für Dienstleister im Einzelhandel wurde ins Gespräch gebracht. Ebenfalls wichtig war den Teilnehmern, dass die Aufklärungsarbeit ausgeweitet und bereits vorhandene Angebote noch mehr online kommuniziert werden. Vorgeschlagen wurde zudem eine Ausweitung von Angeboten beispielsweise im Bereich der Nachbarschaftshilfe. Ebenfalls auf die Agenda kamen eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit beginnender Demenz und Sportangebote, wie etwa ein gemeinsamer Lauftreff mit Senioren. „Manche Vorschläge sind vielleicht sogar schon umgesetzt, deshalb freuen wir uns über jeden weiteren Akteur, der Angebote für demenzkranke Menschen oder deren Angehörige macht und sich bei uns meldet“, so Sibylle Schumann. „Wir sind begeistert, wie gut die Resonanz in der Kick-off-Veranstaltung war und wie viele Personen aktiv im Netzwerk Demenz mitarbeiten wollen“, ergänzt Elke Fress-Kurz. Arbeitsgruppen würden gebildet, sobald die bei der Netzwerkgründung entstandene Steuerungsgruppe die Themen priorisiert hat. Hierfür wird bereits im Januar ein Treffen der Lenkungsgruppe stattfinden. Der erste Schritt sei getan, so die beiden Organisatorinnen. Mit konkreten Projekten könne die Arbeit für eine demenzsensiblere Gesellschaft dann richtig starten.

Info: Rund 1,7 Mio. Menschen in Deutschland sind derzeit laut der Alzheimer Gesellschaft an Demenz erkrankt, Jahr für Jahr treten mehr als 300.000 Neuerkrankungen auf. Sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt, wird sich nach Vorausberechnungen der Bevölkerungsentwicklung die Krankenzahl bis zum Jahr 2050 auf rund 3 Millionen erhöhen. Die Broschüre des Pflegestützpunktes zum Thema Demenz (Infos und Übersicht der unterstützenden Angebote im Landkreis Heidenheim) kann hier heruntergeladen werden. Ansprechpartnerinnen für das Netzwerk Demenz sind Sibylle Schumann, Altenhilfefachberatung Landkreis Heidenheim, Tel. 07321/ 321-2268, s.schumann@landkreis-heidenheim.de und Elke Fress-Kurz, Leiterin des Projekts Demenzsensibles Krankenhaus an den Kliniken in Heidenheim und Giengen, Tel. 07321/ 33-94001, Elke.Fress-Kurz@kliniken-heidenheim.de.

Bild: Landrat Thomas Reinhardt (von links), Altenhilfefachberaterin Sibylle Schumann, Susanne Himbert (Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg) sowie Elke Fress-Kurz und Geschäftsführer Udo Lavendel (Kliniken Landkreis Heidenheim gGmbH).