Dienstag, 18. Dezember 2018

Neues Zuhause in Notsituationen

     

Vor fast zwei Jahrzehnten hat eine Familie im Gemeindegebiet Gerstetten sich entschieden, ein Kind in Vollzeitpflege aufzunehmen, seit kurzem bietet sie zudem Kindern auf Zeit ein neues Zuhause. Weitere Pflegeltern werden im Kreis Heidenheim dringend gesucht.

Im Großelternalter nochmal Fläschchen geben und Windeln wechseln? Für Andrea N. und Jürgen K. aus dem Gemeindegebiet Gerstetten tägliche Routine. Denn die beiden haben seit einiger Zeit einen Säugling im Haus. Ein Pflegekind, das vom Pflegekinderfachdienst an die Bereitschaftspflegefamilie vermittelt wurde. Bereits seit Anfang des Jahres nimmt das Ehepaar Kinder auf Zeit bei sich auf, die aufgrund einer akuten Gefährdung schnell von ihrem Zuhause weg müssen. „Unsere eigenen Kinder sind jetzt weitgehend selbstständig, da hat man dann nicht mehr so viel zu tun und Platz haben wir auch “, erzählt Andrea N., während sie routiniert das Fläschchen für das Baby zubereitet. „Man hat in all den Jahren nichts verlernt“, ergänzt sie schmunzelnd auf dem Weg zur Babywippe.

Dass ihre Kinder im Fläschchen-Alter waren, ist inzwischen rund zwei Jahrzehnte her. Damals hat die Familie sich bereits das erste Mal entschieden, ein Kind bei sich aufzunehmen – damals in Vollzeitpflege. „Als meine Tochter zur Welt kam habe ich immer gesagt, dass sie nicht wie ich als Einzelkind aufwachsen soll. Als dann aber klar war, dass ich keine weiteren Kinder bekommen kann, haben wir ein Pflegekind aufgenommen – für eine Adoption waren wir schon zu alt.“ Und so kam, als die Tochter sechs Jahre alt war, der damals zweieinhalb Jahre alte Pflegesohn in die Familie. „Ich weiß noch, dass ich mich sehr gefreut habe, dass ein Bruder zum Spielen da war“, erinnert sich die Tochter zurück. Gespielt wurde, und auch gestritten. „Beide haben ein ähnliches Temperament und sind sehr durchsetzungsfähig“, erzählt Andrea N. Und waren sich aber auch wieder einig, wenn es beispielsweise in der Schule Hänseleien oder dumme Sprüche zum Thema Pflegekind gegeben hat: „Da haben wir zusammengehalten“, betont die Tochter. Denn egal ob leiblich oder nicht – „er ist und bleibt für mich immer mein Bruder“. Andrea N. verhehlt bei all dem nicht, dass es keineswegs immer einfache Zeiten waren. „Wir standen schon vor vielen großen Herausforderungen, haben uns irgendwann auch Hilfe gesucht und mussten erst unseren Weg finden.“ Was den Eltern dabei immer wichtig war: beide Kinder gleich zu behandeln. „Wenn ich was angestellt habe, hab ich Ärger gekriegt“, bei der Schwester sei es genau so gewesen – „bei mir kam es nur öfter vor“, so der inzwischen volljährige Sohn. Ihm ist im Miteinander deutlich anzumerken, wie viel ihm seine Familie bedeutet. „Ich bin froh, dass es für mich so gelaufen ist, dass ich zu dieser Familie gehöre.“ Deutlich spürbar ist seine Enttäuschung, als er von den Kontaktversuchen zu seinen leiblichen Eltern berichtet, zu denen es weitestgehend in all den Jahren keine Verbindung gab.
„Der Umgang mit der Herkunftsfamilie ist natürlich ein Thema und kann auch herausfordernd sein. Aber damit muss man zurechtkommen, denn es kommt nicht einfach ein Kind in die Familie, sondern ein Kind mit all dem, was es erlebt hat“, sagt Jürgen K. „Jedes Pflegekind hat sein Päckchen zu tragen, sonst wäre es kein Pflegekind. Das muss einem klar sein. Wenn man eine Pflege übernimmt, ist das eine Aufgabe, eine größere als mit einem eigenen Kind“, ergänzt Andrea N. Eine Aufgabe aber auch, die zu bewältigen sei.

Als langjährige Pflegeeltern wissen beide besonders zu schätzen, welche Unterstützungsangebote zwischenzeitlich geschaffen wurden. „Als wir angefangen haben, gab es noch nicht allzu viel, auch noch keinen Pflegekinderfachdienst. Das hat sich alles erst entwickelt, heute gibt es neben der persönlichen Unterstützung auch Seminare, Fortbildungen und Feste für Pflegeeltern.“ Veranstaltungen, die sie ebenfalls noch gerne annehmen – zumal nun wieder öfter Kindergeplapper im Haus zu hören ist: Vier Kinder haben sie dieses Jahr bereits in Bereitschaftspflege aufgenommen. Eine Entscheidung, die die ganze Familie zusammen getroffen hat. „Alle fanden die Idee gut und ich habe gesagt: ok“, erzählt der Sohn grinsend. Ebenso wie seine Schwester hilft er nun mit, die Geschwisterchen auf Zeit zu versorgen: „Viele Nein meiner Eltern verstehe ich jetzt besser“, meint er lachend. Ganz bewusst haben sich Andrea N. und Jürgen K. jedoch gegen eine weitere Vollzeitpflege entschieden, schon allein des Alters wegen. „Ich bin gerne Mutter und Hausfrau“, so Andrea N. Aber mit 60 beziehungsweise 70 Jahren noch einmal die gesamte Zeit der Pubertät durchmachen – dazu sagen beide klar Nein. Ebenso klar war aber auch ihr Ja dazu, Kindern und Jugendlichen nun ein Zuhause auf Zeit zu bieten.

Info: Derzeit betreut der Pflegekinderfachdienst des Landkreises Heidenheim rund 80 Pflegefamilien, die Bereitschaftspflege (also eine kurzzeitige Aufnahme von Kindern und Jugendlichen) oder Vollzeitpflege anbieten. In den Familien leben derzeit 83 Kinder und Jugendliche. Aktuell sind die Plätze für Pflegekinder im Landkreis Heidenheim weitgehend belegt, neue Pflegeeltern – für die Voll- ebenso wie für die Bereitschaftspflege – werden dringend gesucht. Sowohl Ehepaare als auch Alleinstehende oder gleichgeschlechtliche Paare können Pflegekinder aufnehmen. Interessierte erhalten Informationen beim Pflegekinderfachdienst des Landratsamtes Heidenheim, Tel. 07321/321-2527, oder per Mail an pflegekinder@landkreis-heidenheim.de.