Montag, 8. Juni 2020

Demenz: Mehr Aufmerksamkeit für ein tabuisiertes Thema

Zahl der an Demenz erkrankten Menschen steigt kontinuierlich an – Beratung bietet der Pflegestützpunkt, neue Projekte für eine sensiblere Gesellschaft plant das Netzwerk Demenz Landkreis Heidenheim e. V.

Wo der Autoschlüssel liegt, hat vermutlich jeder schon mal vergessen. Und auch, dass man beim Einkaufen ohne Einkaufszettel häufig nur einen Teil des Benötigten nach Hause bringt, ist ganz normal. Wird die Vergesslichkeit allerdings mehr und mehr zur Alltagserscheinung, kann eine schwerwiegende Krankheit vorliegen: Demenz mit der häufigsten Erscheinungsform Alzheimer. Demenz ist eine der häufigsten Krankheiten im Alter, von der schon jetzt laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft rund 1,7 Millionen Menschen in der Bundesrepublik betroffen sind. Jährlich treten rund 300.000 Neuerkrankungen auf.
Die steigenden Zahlen sind auch im Landkreis Heidenheim deutlich spürbar, beispielsweise in der Beratung des Pflegestützpunktes im Landratsamt. Auf diese Entwicklung haben die Beraterinnen der neutralen und kostenlosen Anlaufstelle für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige bereits vor einigen Jahren reagiert und beim Thema Demenz einen Schwerpunkt gesetzt. In der Beratung, aber auch in den Veranstaltungsreihen des Pflegestützpunktes. „Für die Betroffenen, aber auch für die nahen Angehörigen bedeutet die Diagnose Demenz eine große Zäsur im Leben“, so die langjährige Pflegestützpunktmitarbeiterin Christel Krell. Wie sie betont, leiden die Betroffenen nicht nur unter den eigentlichen Krankheitssymptomen, sondern auch darunter, dass das Thema nach wie vor schambesetzt ist und tabuisiert wird. Enorm belastend sei die Situation auch für die Angehörigen: Rund zwei Drittel der Menschen mit Demenz würden zu Hause versorgt, oft übernehmen Familienmitglieder ganz selbstverständlich die tägliche Betreuung. „Die Angehörigen sind häufig stark belastet, stehen völlig neuen Sorgen und täglich neuen Herausforderungen gegenüber und müssen gleichzeitig miterleben, was die Demenz mit einem geliebten Menschen anstellt. Wenn sich ein Mensch, den man jahre- oder jahrzehntelang kennt und liebt, immer mehr verändert, ist das natürlich auch mit Ängsten, einem Gefühl der Hilflosigkeit oder auch der Überforderung verbunden.“ Der Pflegestützpunkt bietet in dieser Situation Beratung und übernimmt eine Lotsenfunktion, etwa mit Blick auf konkrete Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und Angehörige. Von Gesprächsgruppen über pflegerische Hilfe bis zu den Leistungen der Pflegeversicherung. „Uns ist es wichtig, zu einer Stabilisierung der häuslichen Situation beizutragen. Bei Bedarf übernehmen wir hierfür auch die umfassende Hilfeplanung“, so Christel Krell. Zudem geben die Mitarbeiterinnen des Pflegestützpunktes wichtige Informationen und Tipps zum richtigen Umgang mit demenzkranken Personen. „Oft geht es hier um Fragen, wie man den Alltag gestalten kann, ob der Wohnraum angepasst werden muss oder auch welche Sicherheitstechniken es gibt.“ Deutlich spürbar sei, dass sowohl diese Fragen ebenso wie die zu Entlastungsleistungen stetig zunehmen.

„Im Landkreis Heidenheim ist allein bei den über 65-Jährigen von mehr als 2800 an Demenz erkrankten Personen auszugehen – auch aufgrund der demografischen Entwicklung wird diese Zahl weiter deutlich ansteigen. Vor diesem Hintergrund kommt der Begleitung von Betroffenen und Angehörigen eine immer größere Bedeutung zu“, so auch Michael Koffer, Vorsitzender des Demenz Netzwerk Landkreis Heidenheim e. V. Für ihn hat es allergrößte Bedeutung, das Thema zu enttabuisieren: „Die Unterstützungsmöglichkeiten sind nicht auf die eigenen vier Wände oder eine Pflegeeinrichtung beschränkt. Wir brauchen eine demenzsensiblere Gesellschaft, die lernt mit den betroffenen Menschen rücksichtsvoll und helfend umzugehen und somit auch die Angehörigen besser zu unterstützen.“ Für dieses Ziel trete das vor rund einem Jahr gegründete Demenz Netzwerk Landkreis Heidenheim ein. Ein von Landkreis und Klinikum Heidenheim aus der Taufe gehobener gemeinnütziger Verein, in dem sich Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die in der Betreuung oder Beratung von Pflegebedürftigen tätig sind, ebenso wie Vertreter der Krankenkassen, der Kommunen und der beruflichen Schulen zusammengetan haben. Größte Veranstaltung war im ersten Vereinsjahr ein Infotag mit einem Vortrag zum Thema „Demenz verstehen – begreifen – integrieren“ und einem interaktiven Demenz-Pfad. „Mit rund 130 Besuchern war der Infotag sehr gut angenommen“, so Koffer. Für die kommende Zeit hat der Verein einige neue Projekte auf der Agenda – immer in enger Vernetzung mit allen Akteuren im Kreis, die auch selbst schon einiges zu bieten haben. „Besonders wichtig war für uns deshalb zunächst, all die bereits bestehenden Angebote zusammenzufassen, um ganz niederschwellig möglichst viele Menschen im Landkreis zu erreichen. Hierzu haben wir eine Broschüre erstellt, die einen Überblick über Beratungsmöglichkeiten, Betreuungsangebote, ambulante Dienste sowie Gesprächs- und Begegnungscafés im Landkreis gibt“, so Koffer. Erste Exemplare liegen bereits in den kreisangehörigen Rathäusern und Pflegeeinrichtungen sowie im Landratsamt und im Klinikum Heidenheim aus. Gearbeitet wird aktuell auch am Aufbau einer Internetseite des Netzwerks, die zeitnah unter www.demenz-hdh.de abrufbar sein wird.
Info: Infos zum Pflegestützpunkt gibt es im Internet unter www.landkreis-heidenheim.de. Die Mitarbeiterinnen des Pflegestützpunktes im Landkreis Heidenheim – Christel Krell, Veronika Bruckner und Eleonore Flickinger – sind telefonisch unter 07321 321-2424 zu erreichen.
Weitere Infos zum Netzwerk Demenz Landkreis Heidenheim e. V. gibt es bei der Geschäftsstelle des Demenz Netzwerk Landkreis Heidenheim e. V. unter 07321 321-2268 s.schumann@demenz.hdh.de. Wer den gemeinnützigen Verein unterstützen möchte, kann an das Demenz Netzwerk Landkreis Heidenheim e. V. bei der Kreissparkasse Heidenheim IBAN: DE63 6325 0030 0046 0474 43 spenden.